Social Distancing-Update vom Sofa einer Master / PhD Studentin

englisch

Das Home Office hat uns nun so ziemlich alle, bei denen es möglich ist, erreicht — bei manchen schneller und „einfacher“ als bei anderen. So mussten die meisten Studierenden und viele meiner Kollegen nur noch einmal kurz in die Universitätsbibliothek und hoffen, dass in dem Sack, den sie am letzten geöffneten Tag hinausschleppen durften, auch alle relevanten Bücher, die sie für Hausarbeiten, Abschlussarbeiten oder Seminare brauchen, enthalten waren und ihnen nicht jemand anderes zuvorgekommen ist. Ein Klacks also.

Aber die Fristen wurden doch verlängert …

Nachdem bei uns in Heidelberg die Universitätsbibliothek am 17.03. dicht gemacht hatte, wurden in unserer Fakultät direkt alle Fristen für Hausarbeiten vom 31.03 auf Mitte Mai und die der Abschlussarbeiten um zwei Monate verlängert. Nun sitzen Studierende also zu Hause, wissen, dass sie in zwei Monaten eine Hausarbeit abgeben müssen und haben ca. 3/4 aller Bücher auf dem Schreibtisch liegen. Und nun? Wer Arbeiten Schreiben kennt, weiß: das ist die schlimmste Situation, in der man jetzt stecken kann. Man hat einen Teil der Arbeit erledigt, die Hälfte der Information beisammen, aber noch nicht das Schreiben begonnen — und wird es wohl auch den nächsten Monat nicht tun. Das heißt die Arbeit zieht sich und zieht sich, bis man Anfang Mai dann wieder von vorne anfangen muss.

Aber es gibt doch genug Artikel etc. online …

und die reichen um eine Abschlussarbeit zu schreiben? Als Historikerin bin ich sehr froh, dass viele meiner Quellen mittlerweile digitalisiert sind oder dass ich zumindest zeitweise auf diesen Teil der Quellen umsteigen kann. Auch habe ich mitbekommen, dass  von vielen Seiten Anstrengungen unternommen werden, noch mehr Quellen und Archive digital zugänglich zu machen und Übersichten zu erstellen, welche Themengebiete für Abschlussarbeiten damit zu bearbeiten sind — tolle Initiative! Doch nicht alle haben es so einfach: Viele können ihr Thema nicht einfach zwei Monate vor Abgabe noch einmal schnell ändern. Andere müssen es: Ein Freund in der Ethnologie wollte eigentlich im März auf Feldforschung gehen. Jetzt hat er keine Daten — ohne die bringt ihm auch eine zweimonatige Fristverlängerung nichts. Und was machen seine Betreuer? Das weiß niemand, auf Mails antworten sie auf jeden Fall nicht.

Wir an der Uni sind es ja gewohnt uns in unser Zimmerchen zu verbarrikadieren und erst nach Punktsetzung auf Seite 25 wieder ans Tageslicht zu kommen. Ändert sich ja nichts …

Klar, Lesen und Schreiben, das geht auch von zu Hause aus, und in den Endphasen der Arbeiten haben viele von uns keinen Kontakt zur Außenwelt. Doch das war weder vor Corona, noch ist es jetzt gesund. Nicht umsonst sind die am stärksten frequentierten Orte in Bibliotheken und Mensen diejenigen, an denen es Kaffee gibt — nicht nur, wer hätte es gedacht, weil es da Kaffee gibt, sondern weil man da mal für 20 Minuten den Kopf frei bekommen und mit anderen Menschen sprechen konnte. Kein Wunder, dass Studierende so gerne in WGs leben. Meine Vermutung: die Meisten würden sonst aufgrund mangelndem menschlichen Kontakt gar nicht überleben. So unterscheiden wir bei einer Freundin drei Schreib-Phasen anhand ihrer Gesichtsfarbe: Die Rote, die Weiße und die Grüne.

Rot: Der Beginn der Arbeit. Sie arbeitet sich gerade ins Thema ein, ist begeistert und engagiert, trägt alles zusammen, redet fröhlich mit allen darüber.

Weiß: Sie zieht sich in ihr Zimmer zurück. Die einzigen Nachrichten, die man von ihr bekommt sind Fragen, ob man Zeit für ein Abendessen hätte. Wenigstens das noch. Man sieht allerdings, dass sie ohne die Zusage wohl das Abendessen ausfallen hätte lassen.

Grün: Die sagenumwobene letzte Phase. Niemand hat sie bisher erlebt, es gibt nur Gerüchte der Mitbewohnerinnen. Kurzzeitige Lebenszeichen durch Gänge zum Kühlschrank. Ansprechen nur unter Umständen möglich, auf die Arbeit aber nur auf eigene Gefahr.

Damit uns das nicht allen im Home Office passiert, ist Tipp Nr. 1 eines jeden gerade erfolgenden Posts und eines jeden Tweets: habe Kontakt zur Außenwelt! Mach online Kaffee Pausen, lass deine Kollegin als Video neben deinem Schreibtisch laufen, etc. etc.

Endlich Zeit die Produktivität zu steigern!

Natürlich macht es Sinn, nicht den ganzen Tag im Schlafanzug Netflix zu schauen und zu versuchen, so gut wie möglich, in etwa so viel Arbeit erledigt zu bekommen, wie man es im nicht-Corona Alltag schaffen würde. Doch viele — und ich will mich gar nicht hiervon rausnehmen — freuen sich schon über die viele Zeit, die es ihnen ermöglicht, endlich die ganzen liegengebliebenen Arbeiten abzuarbeiten. Mehr Produktivität — „Aufholen“ — ist das, was uns Home Office vor allem als Geistes- und Kulturwissenschaftler suggeriert.

Doch ich kann es nicht treffender kritisieren als dieser Tweed hier:

Denn genau das macht die Arbeit in der Wissenschaft mit uns: Wir glauben es ist „normal“, ständig das Gefühl zu haben „hinterher“ zu sein mit der Arbeit, „mehr“ machen zu müssen — und das selbst in Zeiten von Corona.

Auf dass wir keine Worcoronaholics werden…

  • Vielleicht doch einfach mal einen — oder gleich zwei — Tage im Schlafanzug netflixen oder ein Buch lesen. Bulletjournallen ist gerade so noch erlaubt!
  • Soweit möglich: in Bewegung bleiben. Der steife Akademiker*innen-Körper freut sich!
  • Lieber andere liegengebliebene Arbeiten angehen, wie ausmisten, Bücher sortieren oder vielleicht sogar mal die böse böse Literaturliste überarbeiten.
  • Kaffee aufsetzen, Freunde anrufen, Video-Kaffee-Treffen, los geht’s!

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