Von Masken, Religionswissenschaft und dem Abschweifen

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Hat man* einmal mit dem Feminismus angefangen, so kommt es einem vor, als ob man* eine Brille aufgesetzt bekommt, durch die man* die Welt auf eine Weise sieht, welche die Marker „Geschlechterrollen“, „Patriarchat“ oder „Macht“ immer vorne anstellt. Nein, keine Brille, die könnte man ja absetzen. Eher so etwas wie eine Maske, die fest auf das Gesicht geklebt ist.

Mit einer Maske sieht man nicht nur selbst die Welt anders, auch andere sehen nun jemand anderen, wenn sie mich anschauen. Natürlich setzen wir Menschen tagtäglich immer andere und viele verschiedene Masken auf (wie so wunderbar in Alligatoah‘ Lied I Need a Face besungen, welches ich jetzt direkt mal an mache). Aber halt: das Lied besingt ja gar keine Masken, sondern Gesichter. Denn was ist denn eigentlich der Unterschied zwischen Masken und Gesichtern? Erstere scheinen abnehmbar, als wäre das Wahre irgendwo dahinter versteckt; wenn man von letzteren spricht, erscheinen sie als Täuschung, hinter die nicht mehr geblickt werden kann. Doch wenn wir in einer Welt leben, in der es gar kein „wahres Ich“ gibt, weil, wie so viele schon gezeigt haben, unser „Ich“ und das „Ich“, das Andere wahrnehmen, immer nur von Umständen, Handlungen und erlernter Wahrnehmung und Verhalten geprägt ist, kann man dann noch zwischen Maske und Gesicht (aufgesetzt als auch in seiner „wahren“ Form) unterscheiden?

Wenn ich Feminismus also nun als Maske mit eingebauter Kontaktlinse sehe, dann erklärt das so einiges. 

Zum Beispiel erklärt es, wie sich auf einmal die Partner*innenwahl ändert; oder die Themenfindung meiner Seminare; oder die Gespräche mit meinen Eltern; oder der Grund, weshalb und was ich erforsche; welche Bücher ich lese und welche Serien mir Netflix vorschlägt. 

Meine Maske wird fester und konkreter, mit jeder Entscheidung, die ich treffe, mit jeder Aussage, die ich tätige. Die Kontaktlinsen werden schärfer; zu Beginn war noch alles schwarz-weiß, mittlerweile gibt es grau und so langsam sogar wieder ein paar farbige Kleckse. Gleichzeitig jedoch wird das Bild, das andere von mir haben, immer weiter von der Maske verändert. Für manche ist es sogar der erste Eindruck, den sie von mir haben. 

Doch ich schweife ab. Wie bin ich überhaupt auf dieses Thema gekommen? Eigentlich wollte ich doch nur auf einen Blogpost eingehen, den ein Student, der letztes Jahr eines meiner Seminare besuchte, auf En-Gender! publizierte. 

In diesem will Jonas darüber schreiben, was es für ihn als Student heißt, bzw. wie es war, Gender in der Religionswissenschaft zu untersuchen. Doch auch er „schweift ab“ und redet darüber, wie Männlichkeit konstruiert ist, welche Formen es gibt und warum das vielleicht dazu führte, dass fast keine als männlich gelesene Teilnehmende meines Seminars „Gender-Themen“ wählten. 

Warum können Jonas und ich nicht beim Thema bleiben? Ist das ein Problem, das nur uns beide betrifft oder gibt es hier eine Verbindung, vielleicht sogar eine, die etwas mit unserer Maske zu tun hat?

Eine Reaktion auf Jonas‘ Post ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Ich hatte diesen in einer Facebook Gruppe geteilt, die sich explizit mit der Erforschung von Geschlecht und Sexualität in Religion und Esoterik beschäftigt. Dort wurde der Beitrag zwar von vielen sehr positiv angenommen, eine Person, war allerdings „enttäuscht“, dass es im Inhalt nicht konkret um Gender in Religious Studies gehe, wie der Titel besage, sondern um eine allgemeine Anwendung von Gender Studies aus einer (cis-)männlichen Perspektive. Man könnte sagen, Jonas hat in seinem Beitrag versucht darzulegen, wie verschiedene Masken von Männlichkeit das Verhalten und die Wahrnehmung von Männern* beeinflussen und wie diese Masken sich selbst erhalten wollen. Quasi: Masken, die sich so anheften, dass sie nicht mehr oder nur sehr schwer abgenommen werden können. Sie werden nicht mehr erkannt und verhindern Kritik an ihr selbst. Dieser Kommentar liegt da gar nicht so falsch, eigentlich trifft er den Nagel auf den Kopf. Doch worin liegt das Problem? Ist das nicht genau das, was mein Seminar bringen sollte?

Die wenigsten interessiert so ein Thema im Seminar im Detail zu hundert Prozent. Noch weniger behalten die Inhalte dann auch. Denn eigentlich dient das Thema nur als Beispiel. Wir wollen eine Theorie oder eine Methode anhand eines größeren Themenkomplexes darstellen. Nur so lernen die Studierenden ja, wie sie das Erlernte auch auf verschiedene Themen anwenden können. Theorien und Methoden sind somit Brillen, die unsere Masken verändern und sie sichtbar machen. In meinem Fall habe ich den Spieß allerdings umgedreht: In meinem Seminar habe ich mir religionshistorische Beispiele angeschaut, um sie mit der Brille der Gender Studies zu untersuchen. Das heißt ich habe im Grunde genommen die ganze Religionswissenschaft als Themenkomplex herangezogen, um an ihr Theorien aus den Gender Studies zu verdeutlichen. 

Ist das ein Problem? Ist das vielleicht sogar zu politisch? Selbst wenn das manche finden sollten, die Erweiterung einer Disziplin wie die Religionswissenschaft durch andere Sichtweisen, Theorien und Methoden –- Interdisziplinarität –- kann einem Fach nur guttun. Denn nur so können Grenzen aufgezeigt und dunkle Flecken erkannt und erhellt werden. 

Genauso wie wir in unserem jeweiligen Fach mit den Studierenden erarbeiten wollen, wie man vom Kleinen (dem Fallbeispiel) zum Größeren (zum Beispiel der Gesellschaft) kommt, indem man aufzeigt, wie sich verschiedene Theorien an unterschiedlichen Beispielen aufzeigen lassen –- oder gerade nicht -– genauso kann die Kritik von außen, so klein sie auch sein mag (in diesem Fall ein religionshistorisches Fallbeispiel), genutzt werden, um auf Problemstellen des Faches hinzuweisen. Diese können davonkommen, dass immer nur mit der gleichen Maske geschaut wird, bis sie zum festen Gesicht wird. Dieses ständige Hinterfragen ist nicht nur gut, sondern auch notwendig, sowohl um sich nicht immer tiefer in eine Sackgasse zu verlaufen als auch um politisch und gesellschaftlich relevant zu bleiben –- etwas, das die Religionswissenschaft doch leider sehr nötig hat. 

Ich habe meinen Studierenden quasi die Brille der Gender Studies auf die Maske aufgesetzt, die sie bereits tragen. Denn eine Maske, die trägt jede*r von uns. Die Frage ist, ob wir sie fest werden lassen wollen oder ob wir ab und an andere Brillen aufsetzen, von denen manche vielleicht irgendwann zu neuen Masken werden. Nichts anderes passiert tagtäglich; in der Universität lernen wir nur, diese Masken zu erkennen, zu hinterfragen und mit ihnen umzugehen -– im Kleinen wie im Großen. 

Vom Kleinen ins Große, von der Brille zur Maske, vom Seminar ins Leben. Abschweifen ist also genau das, was wir tun sollten. 

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