„Starke Frauen“: Warum ich sie nie als Dozentinnen wollte

english

Heute ist Weltfrauentag. Was passt hierzu besser als ein Blogpost über „starke Frauen“? In den Universitäten wie in so vielen Bereichen fehlen uns allerdings immer noch Frauen nicht nur als Dozentinnen, Professorinnen und Ansprechpartnerinnen, sondern ganz allgemein als Repräsentantinnen, die uns zeigen: es ist möglich!

Eigentlich sollte mich daher jede Frau in einer solchen Position erfreuen; ich müsste quasi jedem Kurs, der von einer Frau geleitet wird, jedem Vortrag einer weiblichen Sprecherin Vorrang geben und damit auch jeder Frau eine Chance mehr. Viele meiner Freunde schätzen es auch, wenn sie die Möglichkeit haben, bei einer Dozentin und nicht bei einem Dozenten einen Kurs zu belegen oder eine Arbeit zu schreiben. Sie fühlen sich von ihr besser verstanden, mehr unterstützt als von ihm. Andere haben vielleicht sogar schon negative Erfahrungen mit männlichen Dozenten gemacht.

Warum aber sagen dann trotzdem einige meiner Freunde und Bekannte, dass sie lieber männliche Professoren und Vorgesetzte haben und früher Lehrerinnen „nie mochten“ oder „einfach nicht mit Frauen können“? Natürlich kann ich nicht für alle sprechen; mir ging es allerdings lange Zeit genauso und vor ein paar Wochen ist mir während und nach einer Prüfungssituation klargeworden, woran dies lag, was mich an manchen Frauen in diesen Positionen stört und welche Erwartungen meinerseits vielleicht die Beziehung schon von vornherein gestört haben.

Die Situation war die folgende:

Nach einer Prüfung, in der ich mich inhaltlich überzeugend aber in meinem Auftreten etwas unsicher gezeigt habe, bekam ich von der weiblichen Prüferin und dem männlichen Prüfer diese separaten Rückmeldungen:

Sie: „Sie wissen ja, wir Frauen haben oft das Problem, dass wir denken, unsere Meinung wäre nicht wichtig genug, und deshalb passiert es, dass wir uns noch im Reden zurück nehmen, leiser werden und manchmal revidieren. Daran müssen Sie arbeiten!“

— eigentlich ein gar nicht so falscher Punkt, er trifft bestimmt auf viele — und auch auf mich in manchen Situationen — zu. (Darauf einzugehen, welche strukturellen Probleme dahinter liegen würde auch den Rahmen des Beitrags sprengen.) Auch, da bin ich mir sicher, war die Aussage von ihr mit Sicherheit als motivierend und mit feministischem Hintergedanken als unterstützend gedacht gewesen. Doch es passte einfach nicht ganz …

Er: „Ich glaube, Sie wollen wenn Sie sprechen auch einfach alle Möglichkeiten vorher abwägen und sich nicht vorschnell auf eine Aussage festlegen, für die Sie dann kritisiert werden können. Das funktioniert im Text. Doch bei Vorträgen oder Prüfungen wie dieser müssen Sie überzeugen. Nach einer Aussage kann diese immer noch diskutiert werden. Kritik wird es immer geben. Aber sie soll sich auf den Inhalt und nicht den Ausdruck beziehen.“

— und hiermit traf er voll ins Schwarze!

Was wurde mir also in dieser Situation bewusst?

In diesem Fall geht es nicht um eine Kritik aufgrund meiner Identität als Frau, sondern um die Situation des Versuchs einer Hilfestellung. In dem einen Fall (bei ihm) bezog sich diese auf mich als Person und nicht auf mein Geschlecht (bei ihr). Ich habe mich im Nachgang gefragt, ob ich ihren Kommentar anders aufgenommen hätte, wenn er von einem Mann gekommen wäre: Natürlich! Der erste Gedanke wäre bestimmt gewesen: „was erlaubt er sich da …?“! Denn in diesem Fall — es ist wohl offensichtlich — findet eine krasse Bevormundung und Paternalisierung statt. Doch das ist es eben: im anderen Fall genauso. Nur weil sie eine Frau ist, und es — wie gesagt — ganz sicher wohlwollend intendierte, ist es nicht weniger (pater-/) maternalistisch und bevormundend. Das heißt in ihrem Versuch mir zu helfen verkannte sie, dadurch dass sie meine Schwachstellen in der Artikulation auf mich als „Frau“ bezog, die eigentlichen Problemfelder.

Zur Klarstellung: ich behaupte natürlich nicht, dass Männer diese Pauschalisierung nicht genauso durchführen und auf gar keinen Fall, dass gerade eine Benachteiligung oder unterschwellige Herabstufung von Leistungen aufgrund von geschlechtlichen Zuschreibungen nicht stattfände. (Das wäre ja zu schön um wahr zu sein!)

Zu Beginn habe ich von „Repräsentation“ gesprochen. Diese basiert auf der einen Seite darauf, dass man sich mit der anderen Person auf eine gewisse Art und Weise identifiziert. In diesem Fall geschieht die Identifikation unter anderem über die Kategorie „Frau (an der Universität)“. Auf der anderen Seite kann eine solche Kategorie niemals vollkommen repräsentativ sein. Und genau hierin liegen meiner Meinung nach die Ursachen für meine „Abneigung“:

  • Frauen in Machtpositionen haben die Möglichkeit diese „auszunutzen“ und die Kategorie „Frau“ zu definieren — was in den vergangenen 100 Jahren bereits zu sehr viel Diskussion innerhalb des Feminismus geführt hat.
  • Ich versuche mich mit Frauen in Führungs- und Machtpositionen zu identifizieren. Dies kann nur scheitern. Doch im Laufe dessen setzte ich an meine weiblichen Dozentinnen ebenso hohe (feministische) Erwartungen, wie ich sie auch an mich selbst setzen würde.
  • Dozentinnen versuchen (hoffentlich! Die Erfahrung zeigt allerdings: leider nicht immer …) ihren Studentinnen Hilfestellungen zu geben und ihnen selbst erfahrene Hürden zu nehmen. Doch damit steigt auch die Erwartungshaltung an die Studentinnen.

Was ist das Problem mit vorgefertigten Erwartungshaltungen? Sie werden meistens enttäuscht, weil sie gar nicht erfüllt werden können.

Im Rückblick auf meine Schul- und Studienzeit glaube ich habe ich deshalb weibliche Lehrerinnen oder Dozentinnen vermieden, weil ich nicht enttäuscht werden wollte. Von ihnen und von mir.

Das gesagt, hoffe ich natürlich dennoch, dass mich nicht das gleiche Schicksal trifft wie meine Dozentinnen und dass meine Seminare von allen Studierenden gleich gerne besucht werden. Denn eigentlich müssten wir allen Dozierenden (etc.) mit den gleichen Erwartungen begegnen. Ansonsten halten wir nämlich di

ese Trennung noch weiter aufrecht. Doch der Sinn einer Repräsentation von Frauen in Universitäten, die Existenz weiblicher Personen in sichtbaren Rollen, also „starker Frauen“ ist es gerade diese Selbstverständlichkeit herzustellen und die Position nicht zu hinterfragen. Dies funktioniert meiner Meinung nach nur, wenn wir uns über ihre Existenz (die noch eine Besonderheit ist) freuen, sie aber nicht als besonders oder anders behandeln.

1 Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s