Vorbilder

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Ein Vorbild, das ist doch jemand zum hinaufschauen — oder?

Das ist zumindest das Bild, welches wir von Vorbildern haben, von sogenannten „Idolen“: Personen, die wir uns anscheinend alle von Zeit zu Zeit in unserem Leben und in bestimmten Lebensphasen suchen. Oft, so wird es zumindest dargestellt, sind dies anfangs Elternteile oder Geschwister, denen wir „nacheifern“. Doch irgendwann, so scheint es, wenden wir uns von diesen ab und „machen unser eigenes Ding“, suchen uns neue Vorbilder, die mehr mit unserem derzeitigen Lebenspunkt resonnieren und aus denen wir mehr Kraft schöpfen können.

Doch als ich mich letzten Freitag in den Zug auf nach Berlin zum Jubiliäumsvortrag Judith Butlers der FG Geschlechterstudien machte, kam ich ins Grübeln. Ich bin jemand, die gerne von sich behauptet, eine der größten Fans Judith Butlers dieser Welt zu sein. Natürlich weiß ich, dass ich a) damit nicht die einzige bin und b), dass Butler und dem Poststrukturalismus, und damit ja auch meiner liebsten philosophischen Strömung, diese Idolisierung ganz und gar nicht gefallen würde. Doch warum genau finde ich Butler eigentlich so großartig? Warum reise ich durch fast ganz Deutschland, um sie nun schon zum dritten Mal zu sehen? Warum habe ich ein Bild von ihr, Simone de Beauvior und Michel Foucault über meinem Schreibtisch hängen? Das muss doch „mehr“ sein als ein bisschen tägliche Motivationschübe, „mehr“  als empowerment durch Wonder Woman oder Captain Marvel — oder nicht?

Butler, Foucault und Beauvior würde ich zu denjenigen Personen zählen, die mich immer weiter in den Zielen bestärken, die ich mir für mich selbst und für meine Arbeit gesetzt habe. Mama und Papa, zu diesen Personen gehört natürlich auch Ihr ( 😉 ), ebenso meine vergangenen und gegenwärtigen Bachelor-, Master- und Dissertationsbetreuer*innen, Kolleg*innen, Carla von fem4scholar, ohne die ich mich am Freitag nicht getraut hätte ein weiteres Vorbild, Ulrike Auga, anzusprechen, und noch so viele mehr.

Doch die Frage bleibt. Warum setze ich mich 5 Stunden in den Zug nach Berlin? Warum setze ich mich in einen stickigen Raum mit weiteren 1000 Menschen, ja, warum sind hier überhaupt 1000 Menschen um „irgendeine“ Professorin aus Berkely anzuhören? Was macht Judith Butler zu mehr als nur einer außerordentlichen Philosophin und Vordenkerin unserer Zeit? Welche Ähnlichkeiten hat sie darüber hinaus noch mit meinen Betreuern, warum will ich so sein wie sie? Warum motiviert mich ihre Unterschrift in meinem Notizbuch dazu, immer weiter voranzuschreiten? Vor allem an der Universität, einem Bereich, in dem ich — und viele andere — trotz unserer Begeisterung für unsere Arbeit immer und immer wieder durch äußere Zwänge, fehlenden Halt und zu wenig Unterstützung vor den Kopf gestoßen werden. Es kann nicht nur an ihrer Intelligenz und an ihrer Begabung für Vorträge liegen — natürlich alles Aspekte, die mich als Akademikerin ansprechen sollten.

Wenn ich gefragt werde, warum ich mich dazu entschieden habe, den Weg an der Universität anzustreben, beispielsweise von Freund*innen, die selbst gerade am überlegen sind, ob sie promovieren sollten oder nicht, dann antworte ich meistens:

„Es gibt meiner Meinung nach drei Aspekte, die die Arbeit an der Uni ausmachen. Ich finde, zwei davon sollte man mögen oder besser noch lieben, bei mir sind es alle drei:

1. Forschen, 2. Schreiben¹ und 3. Lehren.“

Und genau dieser dritte Aspekt, den der Lehre, muss von meinen Vorbildern verkörpert werden. Damit meine ich nicht nur, „klassische“ Seminare oder Vorlesungen zu geben und dabei anderen etwas „beizubringen“ oder gar zu „erklären“, sondern den Willen und die Begeisterung dafür, im Austausch mit anderen neue Fragestellungen, Blickwinkel und Sichtweisen zu generieren. Denn nur so können bisherige Wissensbestände hinterfragt und neue Ideen konzipiert werden. Aus diesem Grund sind die Punkte 1, 2 und 3 eigentlich nicht voneinander zu trennen und (sollten) in der Wissenschaft miteinander verwoben sein und reflektiert werden.

Für manche mag das vielleicht nach Poststrukturalismus klingen. Ist es ja auch. Die ständige Hinterfragung, die ständige Kritik, auch des eigenen Standpunkts, der eigenen Theorie, das ist Poststrukturalismus. Eine Theorie, die von vornherein davon ausgeht, dass sie niemals abgeschlossen sein kann, dass sie nur durch das ständige Aufdecken ihrer Grenzen und Ausschlüsse erweitert und verbessert werden kann — und zwar gerade durch Kritik, Kritik, die eben auch und gerade in dem Austausch mit anderen entstehen kann. Hat der Poststrukturalismus es also endgültig geschafft mich komplett zu durchziehen? Ich denke nicht. Ich glaube er ist lediglich die theoretische Vorüberlegung, Deutung und Legitimation meiner Ansprüche an meine Arbeit, sei es bei fem4scholar, En-Gender!, diesem Blog, meiner Forschung, meinen Seminaren, Delta, den feministischen Kreisen und Aktivitäten oder zu Hause, wenn ich mich mit meinem Vater über Politik streite — also quasi in meinem ganzen Leben. Es geht um Austausch, denn nur der Austausch auch und vor allem über Grenzen, seien sie disziplinärer, kultureller, geschlechtlicher oder sprachlicher Art, hinweg ist, was uns voranbringen kann.

Vielleicht wäre das einmal eine passende Möglichkeit, meine Mutter und meinen Doktorvater unter einen Hut zu fassen. Denn was sind schon Vorbilder, mit denen man nicht reden kann? Die sich nie verändern? Die sich selbst auf ein Podest stellen? Ich würde sagen: das Gegenteil von Judith Butler. Ich glaube es gibt keine Studierenden, keine der Interessierten am Freitag Abend, die sie als Gesprächspartner*in nicht ernst genommen hätte. Jede*r konnte auf sie zugehen. Und genau das macht sie zu unserem Vorbild!

 

¹: Selbstverständlich stimme ich zu, dass der an den Universitäten bis ans Äußerste gebrachte Zwang zum Publizieren dem „Schreiben selbst“ eigentlich ganz und gar unzuträglich ist (Michael Billig, 2013). Aus diesem Grund erweitere ich diesen Punkt gerne um: Medialisierung des Erforschten, sei es durch Präsentationen auf Konferenzen, Publikationen, Blogpost, Zeitungsartikel und Talk Show Auftritte — je nachdem, was einem besser liegt und ohne dabei den internationalen neoliberalen Druck akademischer Karriere dabei auf sich zu spüren.

 

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